Nötiger Schutz kann zum unkalkulierbaren Risiko werden - Mögliche Schäden werden oft verschwiegen - WZ fragte Experten
In Nordrhein-Westfalen sind die Masern auf dem Vormarsch. Das Gesundheitsamt Montabaur schlägt Alarm und will alle Neuntklässter durchimpfen, Impfgegner stehen dem mit gemischten Gefühlen gegenüber und sprechen von einem Geschäft mit der Angst. .

WESTERWALDKREIS. Rund 1100 Menschen sind im benachbarten Bundesland Nordrhein-Westfalen an Masern erkrankt, im Westerwald kreis soll es erst gar nicht soweit kommen, das Gesundheitsamt ruft zur Impfung auf. Dr. Ursula Kaiser, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts Montabaur, will die schlechte Impfrate von 57 Prozent (Stand 2004) auf 85 Prozent steigern, um der Kinderkrankheit Herr zu werden. Gerade durch die Reisezeit sei Eile geboten, um den Masern im Westerwaldkreis nicht Tür und Tor zu öffnen.
"Natürlich kann jede Impfung, genau wie jedes Medikament Nebenwirkungen auslösen", bestätigt sie, allerdings sei das Risiko geringer als die schweren Komplikationen, die bestimmte Krankheiten mitunter nach sich ziehen könnten, so Kaiser. "Es wird immer mal wieder einen Impfschaden geben, jeder Körper, jeder Mensch reagiert anders. Allerdings darf man nicht vergessen, dass durch Impfungen schon Millionen von Menschenleben gerettet wurden", bekräftigt sie auch im Hinblick auf die verbesserten Impfstoffe heutzutage.
"Impfen ja oder nein ?" ist wohl eine der am häufigst diskutierten Glaubensfragen. Wahrend Impfbefürworter auf den höheren Nutzen als Schaden verweisen, sprechen die Impfgegner von gezielten Kampagnen, finanziert und lanciert von der mächtigen Pharmalobby, die mit den Impfstoffen weniger die gesundheitlichen Interessen der Patienten als vielmehr finanzielle Ziele verfolge.
Als Geschäft mit der Angst bezeichnet Dr. Wolfgang Schullian, Allgemeinmediziner und Homöopath aus Freillingen, das Impfen. "Der gemäßigte Impfgegner" hält nichts von Panikmache und impft eher zurückhaltend: Tetanusimpfung hält er für sinnvoll, bei Reisen nach Fernost auch Polio oder Diphtherie. Für ihn gibt es im täglichen Impfgeschäft noch zu viele ungeklärte Variablen, wie übermäßig zunehmende Allergien, immer wiederkehrende Infekte. Autoimmunkrankheiten oder das heutzutage so häufig diagnostizierte ADS-Syndrom bei hyperaktiven Kindern. Einen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und den Impfstoffen hält er nicht für ausgeschlossen, noch sei dieser Bereich allerdings zu wenig erforscht. "Da spielen aber nicht nur Impfungen eine Rolle, die Ernährung oder beispielsweise Umweltgifte sind ebenso relevant", so der Mediziner. "Man darf nicht nur den akuten Nutzen einer Impfung sehen, um dem auch den chronischen Schaden" gibt er zu bedenken: "Das ist oft so, als ob man den Teufel mit dem Beelzebub austreibt."
Vom Impfgegner zum Impfbefürworter hat sich das Ärztepaar Dr. Isolde Schulz-Jacob und Ralph Jacob aus Emmerichenhain entwickelt. "Die Impfstoffe sind heute so gut, da kann man es nicht mehr befürworten, nicht zu impfen", erklärt Jacob. Früher haben er und seine Frau "nur das Allernötigste" geimpft. Waren Impfstoffe bedenklich, wie der ganz frühe Keuchhustenimpfstoff, weigerten sich die Mediziner, diesen zu injizieren. Doch die Weiterentwicklung der Impfstoffe überzeugte sie: "Die Nebenwirkungen und Komplikationen sind inzwischen so verschwindend gering. Natürlich gibt es Einzelfälle, in denen es doch zu Komplikationen kommt, allerdings muss man auch die Todesfälle oder Krankheiten sehen, die durch eine Impfung verhindert wurden", so Jacob. Nichtsdestotrotz setzt der Mediziner auf intensive Aufklärung im Vorfeld: "Das muss dann jeder selbst entscheiden, ob er sich impfen lassen will oder nicht."
Eine ordnungsgemäße Aufklärung von Seiten des Arztes vor jeder Impfung fordert auch Anwältin Anja Dornhoff, Geschäftsstellenleiterin des bundesweiten Impfskeptikerrings mit Sitz in Kirchen. "Mindestens 95 Prozent der Patienten", so schätzt sie, werden vor einer Impfung nicht über möglicherweise irreversible Dauerschäden aufgeklärt. Dass der mündige Patient nach einer intensiven Aufklärung selbst entscheidet, ob er sich impfen lässt oder nicht, sollte der Normalfall sein. Als eine von nur ganz wenigen deutschen Kanzleien, die sich mit Impfschäden beschäftigen. kümmert sich die Juristin um die Rechte von Menschen, die massive Impfschaden wie Gehirnschäden davongetragen haben. Die lmpfskeptiker, die sich mitnichten als Impfgegner sehen, und sich vielmehr Ausgewogenheit auf die Fahne geschrieben haben, gründeten sich vor drei Jahren, um ihrerseits als Lobby gemeinsam dafür zu kämpfen, dass Impfschäden anerkannt werden und Betroffene eine staatliche Rente erhalten. Sie helfen beispielsweise, einen geeigneten Gutachter zu finden. "Fast täglich bekommen wir Anrufe von Betroffenen", berichtet Dornhoff, die weiß wovon sie spricht, eine Pockenimpfung kostete vor langer Zeit ein weitläufiges Familienmitglied das Leben.
Sandra Fischer