Kirchen. Bundesregierung und Hygiene-Institute bereiten sich auf Massenimpfungen gegen Pocken vor. Hintergrund ist die Furcht vor bioterroristischen Anschlägen mit Pockenviren. Ärzte müssen umfassend über Risiken informieren, berichtet die Kirchener Anwältin Anja Dornhoff.

Und falls der Arzt nicht alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet, kann er regresspflichtig gemacht werden. Die Bundesregierung hat bereits 35 Millionen Dosen Pockenschutzserum bestellt. Es gibt Pläne, den Vorrat auf 80 Millionen oder sogar 100 Millionen Dosen zu erhöhen. Im Ernstfall könnten also sämtliche Einwohner der Bundesrepublik Deutschland gegen die tödliche Krankheit immunisiert werden.

Dieses Vorhaben ist indes nicht unproblematisch: die Erfahrungen aus der Zeit, als in Deutschland noch Pockenschutz-Impfpflicht bestand, belegen die gesundheitlichen Gefahren von Massenprophylaxe. Die möglichen Nebenwirkungen reichen von Hauterkrankungen über spastische Lähmungen bis zu schweren Gehirnschäden. Die Todesrate liegt bei 44 Fällen je eine Million Impfung (laut Zentrum Hygiene und Humangenetik Universität Göttingen).

Über diese Risiken muss der Arzt den Patienten vor der Impfung aufklären, sonst kann er regresspflichtig gemacht werden. In der Realität versäumt es der Arzt jedoch bei 95 Prozent aller "Piekser", rechtzeitig und umfassend auf Impfrisiken hinzuweisen.

Zu einer pflichtgemäßen umfassenden Patienteninformation gehören: Beschreibung der zu verhütenden Krankheit, Behandlungsmöglichkeiten der Krankheit, Nutzen der Schutzimpfung für den Einzelnen und die Allgemeinheit, Art des Impfstoffs, Dauer des Impfschutzes, mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen, Warnhinweise, für wen die Impfung besonders hohe Risiken mitbringt, Verhalten nach der Impfung sowie die Notwendigkeit der Auffrischimpfung.

Nachfragen nach Verständnis der Hinweise

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 15. Februar 2000 (AZ. VI ZR 48/99) muss der Arzt die möglichen Risiken nicht medizinisch genau beschreiben. Allerdings ist er angehalten, auf die Gefahren, auch auf die äußerst selten eintretenden, hinzuweisen. Der Arzt muss sich durch Nachfragen überzeugen, dass sein Patient die Hinweise verstanden hat und diesem die Gelegenheit geben, Fragen zu stellen.

Was geschehen kann, wenn ein Arzt diese Pflichten nicht beachtet, zeigt ein Fall aus Mönchengladbach. Dort erstritt Rechtsanwältin Anja Dornhoff im November 2002 einen Patient 50000 Euro Schmerzensgeld von seinem Arzt (Az: 3 O 253/00).

 

Grund: Der gesundheitlich bereits angeschlagene Impfling hatte sich gegen Diphterie, Tetanus und Pertussis immunisieren lassen. Kurz danach stellten sich heftige Probleme ein: Inkontinenz und Teillähmung der Beinmuskulatur. Gutachter diagnostizierten eine impfbedingte Schädigung mit einer Behinderung von 50 Prozent.

Dem Arzt wurde zum Verhängnis, dass er den Patienten nicht umfassend genug aufgeklärt hatte. Er hatte bei den Risiken lediglich hohes Fieber, Rötung und Schwellung der Impfstelle genannt. Auf die erhöhte Gefahr für den vorgeschädigten Patienten hatte er nicht deutlich genug hingewiesen. Wie können sich Ärzte gegen solche Ansprüche absichern?

Die Beweislast, dass der Patient ordnungsgemäß informiert wurde, liegt beim Behandler. Daher sollte sich der Arzt vor jeder Impfung von seinem Patienten einen Revers unterschreiben lassen, in dem die gegebenen Hinweise einzeln dokumentiert sind. Und Patienten sollten im eigenen Interesse ausführliche Informationen verlangen, auch wenn ihr Arzt bei Massenimpfungen eher Massenabfertigung bevorzugt.