Über Nutzen und Nachteile der Prophylaxe wird unter Forschern heftig gestritten

Von Robert Arsenschek


Auf dem Archiv-Foto erhält ein Schüler eine Schutzimpfung. Eine kleine Gruppe von Impfgegnern glaubt, dass Impfungen eher schaden als nützen. (Foto: MM)

München - Impfgegner sind Außenseiter. In der Ärzteschaft gelten sie nicht selten sogar als Ketzer. Was an sich kein Wunder ist: Indem sie Schutzimpfungen prinzipiell ablehnen, rütteln die Impfgegner kräftig an einem Pfeiler der klassischen Schulmedizin. Für die meisten Ärzte nämlich gehört das Impfen zum Beruf wie das Zähneputzen zur Morgentoilette: Das Spritzen ist für sie eine bloße Routineübung, an deren Nutzen es nichts zu deuteln gibt.

Die Impfkritiker sehen das ganz anders: Impfen hilft nicht, sondern es schadet, lautet ihr Credo. Impfungen hätten allenfalls "eine geringe Schutzwirkung", glaubt etwa Dr. Gerhard Buchwald, der Nestor der deutschen Impfgegner. Der Rückgang von Seuchen habe mit Faktoren zu tun wie bessere Ernährung und Hygiene, weniger aber mit Impfungen. Die seien dagegen die Ursache "für schreckliche Impfschäden, die vertuscht, verharmlost oder ganz abgestritten werden", behauptet er.

"Impfungen sind die Ursache von schrecklichen Impfschäden, die verharmlost werden".
Dr. Gerhard Buchwald

Gemeint sind damit nicht jene Schwellungen, Rötungen, Fieberschübe und andere kurzfristigen Reaktionen, die bisweilen nach Impfungen auftreten und meist völlig harmlos sind. Die Rede ist vielmehr von Lähmungen, Krampfanfällen, Gehirnschäden oder sogar Todesfällen, die Impfungen mitunter nach sich ziehen. Gerade bei Säuglingen belasten die vielen Routineimpfungen das Immunsystem und das sehr empfindliche Gehirn besonders stark, sagen die Impfgegner. Leistungsstörungen und Gesundheitsschäden seien mögliche Folgen.

Beim "Schutzverband für Impfgeschädigte" im rheinland-pfälzischen Kirchen jedenfalls klingelt das Telefon "jeden Tag", erzählt die Rechtsanwältin Anja Dornhoff. Und bei den Anrufen gehe es "in der Hauptsache um Kleinstkinder". Regelmäßig berichteten Eltern von sensiblen Impfreaktionen ihrer Sprösslinge - so etwa auch nach der öffentlich empfohlenen Sechsfach-Impfung (Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Polio, HIB-Meningitis, Hepatitis B), die die Kinder ab dem dritten Lebensmonat bekommen.
Echte Impfschäden als Folge öffentlich empfohlener Impfungen sind indessen entschädigungspflichtig. Der Schutzverband berät daher seine Mitglieder beim fälligen Gang zum Versorgungsamt oder, wenn nötig, auch vor das Sozialgericht. Das Hauptproblem dabei ist, den Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schäden und der vorangegangenen Impfung zu führen. "Da kommt es sehr auf den genauen zeitlichen Rahmen an", sagt Dornhoff.
Dass der Nachweis häufig nicht gelinge, liege oft an den behandelnden Ärzten. Die versäumen die nötigen Untersuchungen oder dokumentieren die betreffenden Fälle nur lückenhaft. "Viele Ärzte erkennen überhaupt nicht die Problematik" klagt Dornhoff. Häufig würden Störungen einfach übersehen. Dabei wäre es an sich nicht schwer, sich einschlägig zu informieren.

"Es gibt wohl mehr impfkritische Bücher als solche, die das Impfen propagieren", sagt Heinz Ludwig Sänger, emeritierter Virologie-Professor am Max-Planck-Institut in Martinsried bei München. Aus einer Bücherkiste fischt er dabei einige Bände heraus, deren Titel es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen: Von einem "Schuss ins Dunkle" ist da die Rede, von einem "Großangriff auf Hirn und Seele", von Impfungen, Immunschwäche und Plötzlichem Kindstod".
Sänger lehnt Impfungen schon deshalb ab, weil die Impfstoffe stets körperfremde Eiweiße und oft weitere toxische Bestandteile wie Formaldehyd, Quecksilber oder Aluminium enthalten. "Wir lassen uns das Amalgam aus den Zähnen entfernen, damit kein Quecksilber in den Körper gelangt; wir reißen Fußböden heraus, damit

"Die Kinderimpfstoffe machen keinen bleibenden Schaden mehr".
Prof. Heinz-J. Schmitt

wir Formaldehyd nicht einatmen, wir vermeiden Aluminium als Kochgeschirr und geben den Babys Ersatznahrung, weil sie die Fremdeiweiße in der Milch nicht vertragen", erklärt er. "Doch den wehrlosen Babys lassen wir das alles in den Körper spritzen."

Heinz-Josef Schmitt, Professor für Infektionskrankheiten, Epidemiologie und Impfstoffentwicklung in Mainz, hält die Kritik der Impfgegner indessen größtenteils für "Humbug". Er ist sich sicher: "Die Kinderimpfstoffe, die wir heute empfehlen, machen keinen bleibenden Schaden mehr". Gravierende Nebenwirkungen seien so selten, dass sie statistisch praktisch nicht mehr messbar seien, sagt er. Freilich: Ganz ausschließen könne man Impfschäden nie, räumt Schmitt ein. Den Vorwurf, dass Impfstoffe gleichsam per se den kindlichen Organismus schädigen, will Schmitt indessen nicht gelten lassen. Ein Baby komme zwar steril zur Welt, so Schmitt, doch werde der Darm des Neugeborenen umgehend von Milliarden von Bakterien besiedelt. "Die beim Säugling üblichen Impfungen fallen da zahlenmäßig nicht ins Gewicht", meint er. Fremdeiweiße habe ein Kind seit seinen ersten Lebensminuten im Blut. Und Quecksilber sei selbst in der Muttermilch enthalten.
Schmitt plädiert seinerseits für eine möglichst lückenlose "Durchimpfung" der Bevölkerung - schon allein deshalb, um einer epidemieartigen Verbreitung von Infektionskrankheiten zuvorzukommen. Erst vor wenigen Jahren seien in Russland mangels Impfstoffen mehr als 10 000 Menschen an Diphtherie gestorben. In Deutschland sanken die Erkrankengen an der so genannten HIB-Meningitis nach Einführung der Impfung von über 1600 auf weniger als 40 Fälle im Jahr, so Schmitt. Zwei Menschen starben an der Krankheit: Sie waren nicht geimpft.

Von jenen Impfgegnern, die die gleichsam "natürliche" Krankheit einer Impfung vorziehen, unterscheidet sich Schmitt deutlich: "Ich bin nicht bereit, die jeweiligen Krankheiten zu akzeptieren,", sagt er. Angesichts einer Sterblichkeitsrate von bis zum 1:1500 bei Masern zum Beispiel hält er es vielmehr für dringlich geboten, vorbeugend einzuschreiten. Rund 200 000 deutsche Kinder würden pro Jahrgang nicht gegen Masern geimpft, sagt Schmitt: "Dabei haben wir jährlich Dutzende von Todesfälle." Das aber gehe in den Medien völlig unter.
Schmitt verweist auch auf den Zwiespalt, in den ein Arzt bei der Impfbratung schnell geraten kann: "Stellen Sie sich vor, er rät von einer Impfung ab und der Patient bekommt die Krankheit dann." Dann drohten dem Arzt horrende Schadensersatzforderungen. Wirtschaftliche Motive wittern freilich auch die Impfgegner hinter der Impffreudigkeit der Ärzte: Sie glauben allerdings, dass die Mediziner - ebenso wie die Pharmaindustrie - an den Impfungen vor allem verdienen wollen: Sie betreiben, so Buchwald, ein "Geschäft mit der Angst" - auf Kosten der Gesundheit und auch der Eltern, die oft moralisch unter Druck gesetzt würden, ihren Nachwuchs impfen zu lassen.
Die Heilpraktikerin Ulrike Thein aus Wolfsratshausen hält das für grundfalsch: "Ich würde niemals impfen lassen", erklärt sie. Nicht zuletzt deshalb, weil aus homöopathischer Sicht durch Impfungen bisweilen ererbte Veranlagungen für Krankheiten abgerufen werden. Auch könne man durch die Homöopathie, bei der man Krankengeschichten seiner Patienten schon von Geburt an minutiös verfolge, den Bezug zwischen Impfzeitpunkt und Impfreaktion oft sehr genau beobachten, sagt sie.
Wenn ein Kind plötzlich stottere, Entwicklungsverzögerungen zeige oder sich sonst irgendwie plötzlich veränderte, falle das häufig klar mit dem Impftermin zusammen, behauptet Thein. Ihrer Ansicht nach ist nur die Homöopathie in der Lage, Impfschäden therapeutisch zu mildern oder gar zu "löschen", wie sie es nennt.
Zum Impfen selbst, sagt Thein, benötigt der Homöopath keine Alternative, denn er ist in der Lage, durch eine frühzeitige konstitutionelle Therapie eine stabile Immunlage zu schaffen, die es dem Organismus ermöglicht, mit Krankheiten ohne große Komplikationen fertig zu werden. Außerdem könne jede Krankheit, gegen die geimpft werde, erfolgreich homöopathisch behandelt werden.
Thein hält es in dieser Hinsicht mit einem Leitspruch der alternativen Medizin: "Ein gesunder Mensch wird nicht krank". Klingt ganz einfach.

Aus Mandantenschutzgründen weisen wir darauf hin, dass zwischen Frau Rechtsanwältin Dornhoff und dem Schutzverband für Impfgeschädigte e.V. seit dem 21.10.2002 kein Mandatsverhältnis mehr besteht und Frau Rechtsanwältin Dornhoff den Verein rechtlich nicht mehr berät.